SFB 1369 Vigilanzkulturen
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Agnes Rugel: Lehrveranstaltungen

Wintersemester 2020/21

Der Wächter in der mittelhochdeutschen Literatur
zusammmen mit Prof. Dr. Susanne Reichlin
Mittwochs, 10–12 Uhr c. t.

Der Wächterruf lässt in der mittelhochdeutschen Liebeslyrik Liebespaare aus der trauten, oft außerehelich Zweisamkeit hochschrecken. Auch in der geistlichen Lyrik ist es die Wächterstimme, die auf den unausweichlichen Tod hinweist und an einen angemessenen Lebenswandel mahnt. Das Tagelied gilt als eines der am weitesten verbreiteten Genres der mittelalterlichen Lyrik überhaupt. Sowohl in der weltlichen, als auch in der geistlichen Form tritt der Wächter auf als einer, der Konflikt mit sich bringt. Er stört die Ruhe, er bricht in sich geschlossen scheinende Strukturen auf. Als Figur des Dritten führt er einerseits fremde Dimensionen in die Situation ein, andrerseits macht er Bestehendes sichtbar. Die Metaphorik des Tagesanbruchs und die in den Dienst gestellte Wachsamkeit für überindividuelle Zwecke rekurrieren dabei auf Traditionen, die u.a. auf das Alte und Neue Testament zurückführen. Die in der Lyrik des Mittelalters präsente Stimme soll im Seminar genauer unter die Lupe genommen werden. Neben Tageliedern von Wolfram von Eschenbach, Walther von der Vogelweide, Heinrich von Laufenberg, Reinmar von Zweter u.a. wird auch an geistlichen Spielen und Predigten untersucht, welches poetologische Potential hinter der Wächterstimme steckt.